Arbeitsbeispiel 2

Eine historische Postkarte aus Bensen wird lesbar

Handschriftliche Postkarte in deutscher Kurrentschrift. Ein Beispiel dafür, wie aus einer schwer leserlichen Karte ein klarer Bericht mit Personen-, Orts- und Publikationshinweisen für die deutschböhmische Heimatforschung wird.

Postkarten-Vorderseite: Fotografie des Josef-Willomitzer-Denkmals in Bensen (Benešov nad Ploučnicí).
Vorderseite: „Josef Willomitzer Denkmal in Bensen“ — Aufnahme von Fotograf E. Rauchfuss, Bensen. Am rechten Rand ein handschriftlicher Gruß in Kurrent.
Postkarten-Rückseite in deutscher Kurrent mit Briefmarke des Deutschen Reichs und Poststempel Bensen.
Rückseite: handschriftlicher Text in deutscher Kurrent, Poststempel Bensen, Briefmarke des Deutschen Reichs (6 Pfennig, Hindenburg-Serie). Persönliche Angaben zum Adressaten sind hier ausgeblendet.

Ausgangsfrage des Kunden

  • · Wer ist auf dieser Postkarte erwähnt?
  • · Worum geht es inhaltlich?
  • · Was wurde damals gesucht?
  • · Wer hat diese Karte geschrieben?

Quelle

Original
Postkarte aus Privatbesitz, undatiert. Bildseite: „Josef Willomitzer Denkmal in Bensen“, Fotograf E. Rauchfuss, Bensen. Persönliche Angaben des Adressaten aus Datenschutzgründen ausgeblendet.
Art der Quelle
Originalpostkarte mit Briefmarke und Poststempel Bensen.
Schrift / Sprache
Deutsche Kurrentschrift, erste Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Zustand
Gut erhalten; Handschrift stellenweise schwer leserlich, vor allem bei Eigennamen und einigen Substantiven.

Transkription

Postkartenansicht

Josef Willomitzer Denkmal in Bensen.

Handschriftlicher Gruß (Vorderseite)

Mit ergeb. Grüßen Ihr Hegenbarth

Anschrift

Adressat aus Datenschutzgründen unkenntlich gemacht.

Text

Verehrter Herr ***! Gestern konnte ich mir die fragl. Heimatkund- lichen Mitteilungen Runges aus dem [Werke?] von Merkers erst anschaffen. Das [Werk?] enthält keinen der mir mitgeteilten Namen. Ich weile über die ersten Maitage in Bensen. Nach meiner Rückkehr will ich in Ihrem Sinn weiterforschen, empfehle aber doch, mit Professor Franz Runge, Landesanstalt für Heimatforschung in Reichenberg unmittelbar in Verbindung zu treten, der Ihnen gern zur Verfügung sein dürfte u. mir auch der zuständige Mann zu sein scheint. Sollten Sie bei weiteren Forschungen meiner bescheidenen Unterstützung bedürfen, so werden Sie mich immer bereit finden. Über die Familie Max haben auch die Mitteilungen des Vereines f. Geschichte der Deutschen in Böhmen wiederholt ausführlich berichtet.

Moderne Lesefassung

Der Schreiber erklärt dem Adressaten höflich, dass er inzwischen ein heimatkundliches Werk oder eine Veröffentlichung eingesehen hat, in der Hinweise von Runge enthalten sein sollten. Er hat darin nach den Namen gesucht, die ihm der Adressat offenbar mitgeteilt hatte. Das Ergebnis war zunächst negativ: In dem geprüften Werk fand er keinen dieser Namen.

Dann schreibt er, dass er Anfang Mai in Bensen sein werde. Nach seiner Rückkehr wolle er im Sinne des Adressaten weiterforschen. Gleichzeitig empfiehlt er aber, direkt Kontakt mit Professor Franz Runge in Reichenberg aufzunehmen. Runge wird als zuständiger und wahrscheinlich besonders sachkundiger Ansprechpartner für diese heimatkundliche Suche dargestellt.

Am Ende bietet der Schreiber weiterhin seine Hilfe an. Außerdem weist er darauf hin, dass über die Familie Max bereits mehrfach ausführlich in den Mitteilungen des Vereines für Geschichte der Deutschen in Böhmen berichtet worden sei.

Einfach gesagt: Der Schreiber hat für den Adressaten etwas nachgeschlagen — vermutlich im Zusammenhang mit Josef/Joseph Willomitzer oder dem Josef-Willomitzer-Denkmal in Bensen. Er hat zunächst nichts Passendes gefunden, möchte aber weiterhelfen und verweist zusätzlich auf Franz Runge in Reichenberg als besseren Fachmann für diese böhmisch-heimatkundliche Spur.

Genannte Personen

  • Der Adressat — Persönliche Angaben sind in dieser öffentlichen Darstellung ausgeblendet.
  • Josef / Joseph Willomitzer — auf der Bildseite wird das Josef-Willomitzer-Denkmal in Bensen genannt. Willomitzer war ein deutschsprachiger Journalist und Schriftsteller aus dem böhmischen Raum; Bensen ist als Bezugspunkt besonders wichtig, weil dort offenbar ein Denkmal für ihn stand.
  • Hegenbarth — der Gruß auf der Vorderseite ist sehr wahrscheinlich mit „Ihr Hegenbarth“ unterzeichnet. Eine mögliche Zuordnung ist Josef Armin Hegenbarth, der mit Willomitzer verbunden ist: Josef Willomitzer’s lustiges Erbe erschien 1938 in Böhmisch Leipa und wurde von Josef Armin Hegenbarth ausgewählt und eingeleitet. Die Identifizierung ist plausibel, aber anhand der Unterschrift allein nicht endgültig bewiesen.
  • Professor Franz Runge — als zuständiger Ansprechpartner in Reichenberg empfohlen. Wahrscheinlich ist damit Franz Runge (1886–1956) gemeint, den die Deutsche Digitale Bibliothek als Lehrer, Heimatkundler und Oberverwaltungsrat führt.
  • Merker — als mögliche Kontextspur kommt Emil Merker (1888–1972) infrage: ein sudetendeutscher Schriftsteller und Lyriker aus dem böhmisch-mährischen Raum, der in Prag studierte und später Professor an der Höheren Deutschen Forstlehranstalt in Reichstadt war. Eine direkte Identifizierung der Kartenstelle mit Emil Merker ist aber nicht gesichert.
  • Familie Max — am Schluss erwähnt. Über sie sollen die Mitteilungen des Vereines für Geschichte der Deutschen in Böhmen bereits mehrfach ausführlich berichtet haben; ein wichtiger Ansatzpunkt für weitere Recherchen.

Historische Einordnung

Bensen ist das heutige Benešov nad Ploučnicí in Nordböhmen. Der Ort liegt heute im Bezirk Děčín in Tschechien; die deutschsprachige Bezeichnung Bensen ist für den historischen Kontext der Karte maßgeblich.

Reichenberg ist das heutige Liberec in Tschechien. Es liegt in Nordböhmen, etwa 90 km nordöstlich von Prag, und war ein wichtiges deutschböhmisches Zentrum.

Die empfohlene Verbindung zu Franz Runge passt gut in den Kontext der Reichenberger Heimatforschung. In der Zeitschrift Sudeta wird eine Anstalt für Sudetendeutsche Heimatforschung in Reichenberg genannt; außerdem erscheint Franz Runge dort als Schriftführer, Professor, Reichenberg.

Die Mitteilungen des Vereines für Geschichte der Deutschen in Böhmen waren eine historische Zeitschrift, die seit dem 19. Jahrhundert erschien und für deutschböhmische Orts-, Personen- und Familiengeschichte relevant ist.

Genealogisch relevante Hinweise

HinweisGelesene AngabeBedeutung
Adressat*** (persönliche Angaben ausgeblendet)Konkreter Personen- und Adresshinweis; geeignet für weitere Suche in Adressbüchern, Meldeunterlagen, Amtskalendern oder Nachlässen.
Zentraler Bezug der KarteJosef Willomitzer Denkmal in BensenWahrscheinlicher Anlass der Recherche: Informationen zu Josef/Joseph Willomitzer oder zum Denkmal in Bensen.
FachkontaktProfessor Franz Runge, ReichenbergKonkreter Hinweis auf einen zuständigen Heimatkundler; möglicher nächster Ansprechpartner bzw. Archiv-/Publikationsspur in Reichenberg/Liberec.
Institutioneller ZusammenhangLandesanstalt / Anstalt für Heimatforschung in ReichenbergHinweis auf eine organisierte heimatkundliche Forschungsstelle; wichtig für mögliche Korrespondenzen, Jahrbücher, Register oder Nachlässe.
PublikationsspurMitteilungen des Vereines für Geschichte der Deutschen in BöhmenWichtige Suchquelle für Willomitzer, Bensen, Familie Max und mögliche Berichte zum Denkmal.
Weitere FamilieFamilie MaxEigenständiger genealogischer Hinweis; die Familie Max könnte mit der gesuchten Willomitzer-/Bensen-Spur oder mit deutschböhmischen Netzwerken verbunden sein.
Ort BensenBensen, heute Benešov nad PloučnicíRegionaler Suchraum für Kirchenbücher, Ortschroniken, Heimatliteratur, Denkmäler, Vereine und lokale Archive.
Ort ReichenbergReichenberg, heute LiberecForschungszentrum und möglicher Archiv-/Institutionsstandort für die Heimatforschungs-Spur um Franz Runge.

Erklärungen zu Schreibweisen

  • „ergeb.“ — Abkürzung für ergebenen. Die Grußformel bedeutet also: Mit ergebenen Grüßen.
  • „a. D.“ — Abkürzung für außer Dienst, also im Ruhestand.
  • „u." — Abkürzung für und.
  • „fragl." — Abkürzung für fraglich.

Unsicherheiten — offen benannt

Die Lesung „[Werke?]“ und „[Werk?]“ ist wahrscheinlich, aber nicht ganz sicher. Die Buchstaben wirken auf den ersten Blick auch wie eine andere Endung; der Satzsinn spricht jedoch stark für „Werk/Werke“.

Die genaue Fragestellung des ursprünglichen Briefwechsels ist nicht ausdrücklich genannt. Aus Bildmotiv, Text und genannten Personen ergibt sich aber als wahrscheinlichste Deutung: Es wurde nach Josef/Joseph Willomitzer, nach dem Josef-Willomitzer-Denkmal in Bensen oder nach damit verbundenen deutschböhmischen Nachweisen gesucht.

Nächste sinnvolle Rechercheschritte

  1. Die Mitteilungen des Vereines für Geschichte der Deutschen in Böhmen gezielt nach den Begriffen Willomitzer, Bensen, Josef Willomitzer, Joseph Willomitzer, Denkmal und Familie Max durchsuchen.
  2. In deutschböhmischen Zeitungen nach Berichten zum Josef-Willomitzer-Denkmal in Bensen suchen, besonders nach Denkmalenthüllung, Jubiläen, Nachrufen oder späteren Berichten zum Verbleib des Denkmals.
  3. Nach Veröffentlichungen oder Nachweisen zu Josef Armin Hegenbarth suchen, besonders im Zusammenhang mit Willomitzer, Böhmisch Leipa, Bensen und deutschböhmischer Pressegeschichte.
  4. Die Spur Franz Runge / Reichenberg / Heimatforschung weiterverfolgen, insbesondere über die Anstalt für Sudetendeutsche Heimatforschung und über Jahrbücher oder Zeitschriften aus Reichenberg.
  5. Die mögliche Lesung Merker prüfen: Gibt es ein Werk von Emil Merker oder einer Person Merker, in dem Runge heimatkundliche Mitteilungen veröffentlicht oder zitiert hat?
  6. In heutigen tschechischen Quellen zu Benešov nad Ploučnicí nach dem Denkmal suchen, auch mit tschechischen Suchbegriffen wie památník, Josef Willomitzer, Benešov nad Ploučnicí.

Ergebnis

Die Postkarte ist in ihren wesentlichen Aussagen gut auswertbar, auch wenn die Handschrift stellenweise schwer leserlich ist. Unsicher bleiben insbesondere die Wörter „[Werke?]“ und „[Werk?]“.

Trotz dieser Unsicherheiten lässt sich der Inhalt klar zusammenfassen: Ein als Hegenbarth zu lesender Schreiber wendet sich an den Adressaten. Er berichtet, dass er in einer heimatkundlichen Veröffentlichung nach bestimmten Namen gesucht hat, aber nichts Passendes fand. Da die Postkarte das Josef-Willomitzer-Denkmal in Bensen zeigt, ist es naheliegend, dass die Suche Josef/Joseph Willomitzer, das Denkmal oder dessen geschichtlichen Hintergrund betraf. Der Schreiber will weiterforschen und empfiehlt zugleich Professor Franz Runge in Reichenberg als zuständigen Fachmann für die heimatkundliche Spur.

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